Eintrag vom: 20.04.2010 |
Fragen zu bildungspolitischen Themen der Gruppe Gymnasium - Antworten Renate Hendricks (SPD)
Eingegangen 20.04.10 per E-Mail
- Die Entkernung, Verschlankung der Lehrpläne kann und darf in Hinblick auf das Zentralabitur und die hier für Schule und Lehrer unklaren Vorgaben von der Politik nicht zur Aufgabe von Schule und Lehrer gemacht werden, bzw. in deren Verantwortung gestellt werden. Auch hier sind klare Vorgaben von Seiten der Politik erforderlich.
Wie und wann ist mit klaren Vorgaben zu rechnen, die die Entkernung und Verschlankung der Lehrpläne zum Ziel haben und auch in Hinblick auf das Zentralabitur für Klarheit sorgen?
Die schwarz-gelbe Landesregierung hat es lange Zeit für selbstverständlich gehalten, dass die Gymnasien sich – wie sie meint „eigenverantwortlich“ – auf die Herausforderung der neuen Kernlehrpläne und des kompetenzorientierten Unterrichtens einstellen und dies umsetzen. Die Kernlehrpläne wurden ohne jegliche Unterstützung und Beratung der Schulen eingeführt und trafen dort oft auf Überforderung und Ablehnung. Die Ergebnisse der – leider sehr wenigen – Qualitätsanalysen an Gymnasien zeigen, dass die Lehrkräfte oft nicht nach den neuen Vorgaben unterrichten.
Die Schulen brauchen Beratung und Unterstützung. Die Kommunen müssen in die Lage versetzt werden, die dringend notwendigen neuen Schulbücher anzuschaffen. Vor allem aber brauchen die Lehrerinnen und Lehrer Fortbildungen und klare Zielvereinbarungen, damit wirklich alle Lehrkräfte in der Lage und willens sind, in Zukunft kompetenzorientiert zu unterrichten.
Zur Frage der Lehrpläne für die gymnasiale Oberstufe ist festzuhalten, dass es Gerüchten nach bereits neue Lehrpläne in den Schubladen des Ministeriums für Schule und Weiterbildung für eine Oberstuferenform gibt, die ab 2010 hätte eingeführt werden sollen. Die mögliche Kontroverse über die Fortsetzung des chaotischen Turbo-Abiturs wollte Jürgen Rüttgers im Wahlkampf anscheinend nicht haben, deshalb wurde die Oberstufenreform eingefroren.
- Die Verschlankung der Lehrpläne muss zur Reduzierung der aktuell gültigen Wochenstunden¬zahlen führen. Welchen anderen Sinn sollte es machen, Lehrpläne zu entschlacken, wenn nicht, Unterrichtszeit wieder auf ein dem Alter der Kinder entsprechendes Maß zurück¬zuführen. Sind Sie bereit, sich dafür einzusetzen, dass bei der KMK die Mindestwochenstundenzahl reduziert wird, oder haben Sie Alternativen, um vor allem die Sekundarstufe I zu entlasten?
Die Mindeststundenzahl für das Abitur kann, das ist Ihnen bekannt, nur per einstimmiges Votum der KMK reduziert werden. Eine solche Einstimmigkeit sehe ich auf lange Zeit nicht, obwohl sicherlich darüber nachgedacht werden muss, ob im Zusammenhang mit der Schulzeitverkürzung die alten Vorgaben nicht überdacht werden müssen. So lange kann nicht gewartet werden. Wir brauchen eine Reform in NRW.
Das Abitur nach 12 Jahren der schwarz-gelben Landesregierung hat an den Gymnasien zu einer unerträglich hohen Stundenbelastung gerade bei den jüngeren Schülerinnen und Schülern geführt. Es hat sich damit zum Turbo-Abitur mit unübersehbaren Folgen entwickelt. Im Gegensatz zum Vorhaben der ehemaligen rot-grünen Landesregierung, die dreijährige Oberstufe um ein Jahr zu verkürzen (Modell “10 plus 2” sowie die Option, auch weiterhin das Abitur nach 13 Jahren anzubieten), hat Schwarz-Gelb - trotz erheblicher Bedenken von Wissenschaftlern und Verbänden - die einjährige Verkürzung der Schulzeit bis zum Abitur in der Sekundarstufe I vorgenommen (Modell “9 plus 3”).
Die Gymnasien müssen in Absprache mit den Eltern und den Schulträgern die Möglich-keit haben, selbst zu entscheiden, ob sie das Abitur nach 12 oder nach 13 Jahren anbieten wollen. Hierfür müssen die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden.
Vor allem die Schülerinnen und Schüler in den Klassen fünf bis sieben müssen wieder von dem durch die dilettantische Umsetzung des Turboabiturs entstandenen Leistungs- und Zeitdruck befreit werden. Hierzu ist es notwendig, das G-8-Konzept generell zu überarbeiten. Die Verkürzung der gymnasialen Schulzeit muss am Ende der Sekundarstufe I und in der Oberstufe vorgenommen werden.
- Schulreformen wie G8 erfordern neue moderne Lern- und Lehrmethoden und damit verstärkt Lehrerfortbildung. Um den Lernstoff den Schülern in der verkürzten Zeit vernünftig vermitteln zu können, sind zudem kleinere Klassen notwendig. In welcher Weise würden Sie sich für eine Reduzierung der Klassengröße und eine zeitgemäße Lehrerfortbildung einsetzen?
Die SPD setzt auf einen Stufenplan für kleinere Klassen. In einem ersten Schritt soll es keine Klassen mit mehr als 30 Schülerinnen und Schülern mehr geben, mittelfristig wol-len wir Klassengrößen von höchstens 25 Schülerinnen und Schülern erreichen.
Wir wollen, dass Lehrerinnen und Lehrer zusammen mit Schülerinnen und Schülern sowie weiteren Partnern gemeinsam die Schule entwickeln und so die Qualität steigern. Dazu bedarf es der Einrichtung schulischer Qualitätsteams, die mit eigenen Fortbildungsmitteln ausstattet werden müssen.
- Nach Meinung vieler Eltern ist der ‚gefühlte‘ Ganztag zu undifferenziert ausgeprägt und vorbereitet worden. Die mit der Einführung von G8 eingeführte Wende zum Ganztag soll, vor allem aus Gründen der Chancengleichheit, unterstützt werden. Allerdings sollte dabei bei Reduzierung der Wochenunterrichtsstunden vor allem Angeboten, die der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder dienen, mehr Raum gegeben werden. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Komplex?
Ganztagsschulen können durch ein Mehr an Zeit zur Lösung zentraler Probleme des deutschen Schulsystems beitragen. Sie schaffen bessere Voraussetzungen für eine individuelle Förderung, die auf die unterschiedlichen Stärken, Interessen und Voraussetzungen des einzelnen Kindes eingeht. Ganztagsschulen schaffen auch den Rahmen für eine bessere Verzahnung von Unterricht und außerschulischen Bildungs- und Freizeitangeboten. Sie können einen pädagogisch strukturierten Tagesrhythmus schaffen, der das Lernen sowohl in den klassischen Schulfächern als auch in Sport, der Gesundheitserziehung, in den musisch-künstlerischen Feldern und die Vermittlung von sozialen Kompetenzen umfasst. Voraussetzung sind hohe Qualitätsstandards der Schule, Transparenz der Inhalte und Formen sowie eine Beteiligung der Eltern an der Schulgestaltung und die Öffnung für Träger der Jugendhilfe, für Einrichtungen der Kultur und des Sports.
Seit 2005 hat sich der Landtag auf Initiative der SPD-Landtagsfraktion mit der Notwendig-keit befasst, den Ganztag an allen Schulformen der Sekundarstufe I auszubauen. Die entsprechenden SPD-Anträge (Drs. 14/119, 14/4863, 14/5353, 14/6007, 14/6163) und die Forderungen nach den notwendigen Haushaltsmitteln wurden jedoch von CDU und FDP regelmäßig ohne alternative Vorschläge abgelehnt.
Die Landesregierung hat viel Zeit verloren und die Schulen mit ihren realen Problemen allein gelassen. Es war überfällig, dass die Landesregierung mit den im April 2008 vorge-stellten Plänen zum Ausbau von Ganztagsschulen endlich dem massiv angewach-senen und gut begründeten öffentlichen Druck Rechnung getragen hat. Mit diesem längst überfälligen Ganztagsprogramm für alle weiterführenden Schulen hat die Landesregierung endlich die Forderung der SPD-Landtagsfraktion aufgegriffen, dies allerdings nicht konsequent genug.
- Werden Sie in der jetzigen Situation den Schulen nach den guten Erfahrungen aus dem Modellprojekt „Selbstständige Schule“ mehr Gestaltungsspielräume und Eigenverantwortung geben? Werden Sie sich auch für ein selbstverwaltetes Budget für Schulen einsetzen? Die Schulen wissen regelmäßig selber am besten, wo der dringendste Handlungsbedarf besteht. So könnten die oft langwierigen Entscheidungsprozesse nachhaltig verkürzt werden.
Ja. Schulen müssen selbst und verantwortlich über ihre Arbeit entscheiden können. Deshalb halten wir am Prinzip der selbstständigen Schule fest, die in ein System von Beratung und Service eingebettet wird. Das Land bleibt verantwortlich für die Vorgabe und Überprüfung von Bildungsstandards. Zum neuen Steuerungsverständnis gehört ein landesweiter Bildungsbericht, der alle Bildungsbereiche umfasst. Dazu gehört auch eine neue Rolle der Kommunen. Ihnen wollen wir einen größeren Gestaltungsspielraum für ihr bildungspolitisches Angebot ermöglichen. Viele Städte und Gemeinden praktizieren dies bereits und beteiligen die Eltern offensiv daran. Wir unterstützen diese Entwicklung ausdrücklich. Dabei sorgen wir dafür, dass jedes Kind, unabhängig vom Wohnort, optimale Bildungschancen erhält.
Zur Selbstständigkeit gehört auch die Verfügbarkeit von Mitteln für die Schulen. Dazu wollen wir die Trennung von inneren und äußeren Schulangelegenheiten so weit es geht überwinden. Die Verantwortlichkeiten von Staat und Schulträgern wollen wir genauer definieren und die entsprechenden Mittel von Land und Kommune für die Schulen in einem Budget zusammenfassen.
- Zurzeit müssen die Eltern die Kosten für das in den Schulen angebotene Mittagessen im Gegensatz zu den Mensen an den Universitäten in voller Höhe allein tragen. Dies führt zu hohen Kosten von bis zu 4,- € pro angebotenen Mittagessen. Eine Bezuschussung zumindest über die Personalkosten ist notwendig. Kann in diesem Zusammenhang das Essensausgabe-Personal an Gymnasien aus den Mitteln des „Geld statt Stelle“- Programms finanziert werden? Soll für Kinder bedürftiger Eltern ein kostenloses Angebot analog zu den OGSen z.B. über eine Fondslösung eingerichtet werden?
Für die SPD gilt: Kein Kind darf aus finanziellen Gründen vom gemeinsamen Mittagessen und anderen schulischen Aktivitäten ausgeschlossen werden. Wir wollen eine landeseinheitliche Regelung für den Essenszuschuss sowie weitere Kostenzuschussregelungen und keine kommunalen Regelungen nach Kassenlage. Ob und wie das Personal für die Essenausgabe aus Mitteln des „Geld-statt-Stellen-Programms“ finanziert werden kann, muss geprüft werden.
- Die bisherigen Erfahrungen und Wünsche von G8 müssen unseres Erachtens durch das MSW unter Einbeziehung aller an Schule Beteiligten evaluiert werden. Wie stellen Sie sich eine transparente Evaluation und Rückmeldekultur an LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen vor?
In der Tat ist zu überlegen, das G 8 zu evaluieren. Grundbedingungen sind, dass solch eine Evaluation mit wissenschaftlicher Unterstützung erfolgt, die Schulen bzw. Lehrerinnen und Lehrer entsprechend vorbereitet und unterstützt sowie die Eltern eingebunden werden.
- Es ist eine ganz besondere Verantwortung der Politik, auf die schwierige Situation des G8/G9 Doppeljahrganges zu achten, zumal die ersten Jahrgänge von G8 bereits jetzt mit mancherlei Handicaps (fehlende Lehrpläne, fehlende Bücher, fehlende Mensen u.a.) belastet wurden. Wie gedenken Sie, die Doppeljahrgänge und deren Folgejahrgänge hier in den NRW-Hochschulen und sonstigen Ausbildungsstätten zu integrieren? Welche Maßnahmen planen Sie bzw. werden bereits durchgeführt?
Wir haben im Januar einen entsprechenden Antrag eingebracht und im Zusammenhang mit der Absicherung des Doppelten Abiturjahrgangs 2012/2013 folgende Forderungen erhoben:
Für den doppelten Abiturjahrgang in 2013 muss ein Maßnahmenkatalog entwickelt wer-den, damit die Kapazitäten von Studien- und Ausbildungsplätzen entsprechend dem Be-darf ausgeweitet werden.
Es bedarf einer von der Landesregierung zu organisierenden konzertierten Aktion aller beteiligten Gruppen aus Politik und Gesellschaft, wie Hochschulen, Kultusministerkonfe-renz, Gewerkschaften, Arbeitgeber, Industrie, Handels- und Handwerkskammern und Industrieverbände sowie Elternverbände. Sinnvoll ist die Einrichtung eines Beirates, in dem die Interessen aller Beteiligten unmittelbar Berücksichtigung finden und der bereits in die Vorbereitung der Maßnahmen eingebunden ist.
Die Prüfungstermine von G 8 und G 9 im Jahr 2013 müssen so entzerrt werden, dass die Schülerinnen und die Schüler des G-9-Jahrganges z.B. ihr Studium zum Sommer-semester aufnehmen können.
- Eine gute Bildung braucht auch eine vernünftige Bildungsinfrastruktur in den Schulen. Notwendige und auch zum großen Teil schon geplante und beschlossene Sanierungs-maßnahmen sowie die Modernisierungen der naturwissenschaftlichen Räume und weitere Maßnahmen dürfen aufgrund schwieriger Haushaltslagen nicht einfach gestrichen werden. Ein Kahlschlag im Bereich Schule und Bildung ist unverantwortlich.
Wie wollen Sie die künftige finanzielle Ausstattung der Gemeinden sicherstellen, vor allem bei wachsenden Aufgaben insbesondere der Bildungsinfrastruktur in den Schulen?
Die kommunalen Finanzen müssen gestärkt werden. Die SPD wird verhindern, dass Städte und Gemeinden in ihrer Finanzausstattung weiter geschwächt werden. Wir werden uns aktiv dafür einsetzen, dass rasch eine Lösung für das Problem ihrer Altschulden gefunden wird. Die Gewerbesteuer ist die wichtigste Einnahmequelle für unsere Kommunen. Sie muss ohne Wenn und Aber erhalten bleiben und in der Basis verbreitert werden. Die SPD tritt für die strikte Einhaltung des Konnexitätsprinzips ein. Die SPD wird einen „Stärkungspakt Stadtfinanzen“ auflegen, der überschuldeten Gemeinden zugute kommt. Ziel des Paktes ist es, die betroffenen Gemeinden von Zinszahlungen zu entlasten, um jetzt notwendige Investitionen zu ermöglichen. Wir set-zen uns dafür ein, hoch verschuldete Städte von Ausgaben für den Solidarfonds zu entlasten, damit dort die Haushalte konsolidiert werden können. Wir werden uns gegenüber dem Bund für eine Neuordnung des Systems der Berechnung des Bundesanteils an den Kosten der Unterkunft gemäß SGB II stark machen. Das bisherige Berechnungsverfahren führt zu einer klaren Benachteiligung der Kommunen und muss dringend zu ihren Gunsten überarbeitet werden. Für die SPD gilt: Bildung muss uns mehr wert sein. Unser Ziel ist, zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildungs- und Forschungsausgaben zu investieren. Wir wollen die Kommunen dabei unterstützen, dass sie ihrer Rolle als Schulträger gerecht werden können.
- Unterstützen Sie das Anliegen der Eltern, die Kopfnoten aus den Abschlusszeugnissen wieder abzuschaffen, wie es in allen anderen Bundesländern der Fall ist?
Ja. Die Kopfnoten werden abgeschafft. Eine solche Note wird der individuellen Vielfalt der Kinder nicht gerecht und entspricht nicht einer angemessenen Kultur der Rückmeldung.
Sehr geehrte Frau Hendrick, herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.
Geschrieben von Administrator am 20.04.2010
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