Ende des G8-Ärgers ist nicht in Sicht
BLLV fordert grundlegende Reform des Gymnasiums
Veröffentlichung BLLV (Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV))
Der doppelte Abiturjahrgang ist abgewickelt, doch das Gymnasium wird auch in Zukunft an massiven Problemen leiden. Die Stoffdichte und der Prüfungsdruck im G8 sind viel zu groß, Schüler pauken vor allem abfragbares Wissen für Prüfungen, für den Erwerb von Methodenkompetenz ist zu wenig Zeit. Roland Kirschner, Leiter der Fachgruppe Gymnasium im BLLV, fordert im Interview eine grundlegende Reform des Gymnasiums.
Denn an den Problemen, an dem das Gymnasium seit vielen Jahren krankt, haben auch die zahlreichen Nachbesserungen am G8 nichts geändert. Um ein Desaster bei den diesjährigen Abiturprüfung zu verhindern, hat das Kultusministerium in letzter Sekunde sogar die Herabsetzung der Prüfungsstandards verfügt.
Das G9 ist abgewickelt. Kehrt jetzt endlich Ruhe am Gynasium ein?
Aus meiner Sicht gibt es am Gymnasium immer noch viele Baustellen, die endlich angepackt werden müssen. So ist nicht klar, wie ein zukunftsfähiges Gymnasium in Bayern aussehen soll. Einfach nur ein Jahr zu kürzen, reicht nicht aus. Denn es werden immer neue Forderungen an das Gymnasium und seine Lehrkräfte herangetragen: Wir sollen einerseits fächerübergreifend unterrichten, andererseits ist der Unterricht immer noch nach dem Fachprinzip organisiert. Wir sollen Projekte und Exkursionen durchführen, sind aber durch einen straffen Lehrplan und eng getaktete Prüfungsintervalle eingeengt. Diese Widersprüche führen zu einem Spagat, den die Lehrer täglich aushalten müssen.
Bei den schriftlichen Prüfungen des diesjährigen G8-Abiturs ist der Notenschnitt etwas besser ausgefallen als im langjährigen Durchschnitt bei der G9. Sind die Absolventen tatsächlich studierfähiger geworden?
Der Schnitt ist etwa um 0,1 besser, das ist richtig. Daraus ableiten zu wollen, die Abiturienten seinen studierfähiger, halte ich für sehr gewagt. Hier wird ein Zusammenhang zwischen Noten und Leistung konstruiert, der so nicht gegeben ist. Jeder weiß, dass Noten ungenau und nicht objektiv sind und sie viele Aspekte nicht berücksichtigen. Darüber hinaus unterscheidet sich die Berechnungsgrundlage der G8- und der G9-Noten voneinander. Somit ist der Vergleich auch mathematisch unsinnig.
Universitäten wünschen sich von Abiturienten, dass sie nicht nur Fachwissen, sondern vor allem Methodenkompetenz mitbringen. Kann man dies den Schülern unter den Bedingungen des G8 überhaupt vermitteln?
Die Schüler werden in der Oberstufe derart mit Pflichtunterricht belastet, dass für den Kompetenzerwerb kaum Zeit bleibt. In der Unter- und Mittelstufe sieht es ähnlich aus: Hier sollte auch vermehrt Projektarbeit durchgeführt werden. Die Frage ist nur: Wann? Wenn in den zwei Wochen vor einer Matheschulaufgabe Stunden ausfallen, weil eine Klasse ein Englisch-Projekt durchführt, dann ist das natürlich äußerst schlecht. Daher finden an den meisten Gymnasien Projekte erst nach Notenschluss statt. In der Wahrnehmung der Schüler sind diese Projekte dann etwas Unwichtiges.
Einer der Gründe, warum das bayerische Gymnasium in der Krise steckt, ist sicher auch, dass sich die Schülerschaft verändert hat. Was ist heute anders als noch vor 20 Jahren?
Die Schülerschaft ist hinsichtlich ihrer Vorbildung, ihrer Lernmotivation und ihres familiären Hintergrundes heterogener geworden. Das Freizeitverhalten hat sich geändert, Medienkonsum ist für Schüler viel wichtiger geworden. Es gibt heute mehr Schüler mit persönlichen Problemen, zum Beispiel den Folgen einer Trennung der Eltern, Vereinsamung oder finanziellen Nöten. Somit sind die Pädagogen am Gymnasium heute pädagogisch viel stärker gefordert als früher.
Was müsste sich ändern, damit am Gymnasium ganzheitliches Lernen und individuelle Förderung der Schüler möglich werden?
Wir brauchen dringend bessere Rahmenbedingungen. In Klassen mit mehr als 30 Kindern können Schüler nicht individuell gefördert werden. Auch die Struktur des Unterrichts muss sich ändern. Wenn der Unterricht in 45-Minuten-Blöcke zerhackt wird, habe ich keine Zeit, auf jeden Schüler einzugehen. Wenn Schüler in einem Schuljahr sich mit 14 verschiedenen Fächer beschäftigen müssen, können sie nicht nachhaltig lernen. Es fehlt Zeit, die wir dringend zum Üben brauchen. Ab der siebten Klasse wird die erste Fremdsprache zum Beispiel nur noch drei Stunden lang pro Woche unterrichtet.
Weiterführende Links und das vollständige Interview finden Sie auf den Seiten der BLLV
Alle Einträge aus der Kategorie: G8
Geschrieben von Administrator am 01.07.2011
|