Fragen zu bildungspolitischen Themen der Gruppe Gymnasium - Antworten Sigrid Beer (Bündnis90/Grüne
Eingegangen 07.05.10 per E-Mail
- Die Entkernung, Verschlankung der Lehrpläne kann und darf in Hinblick auf das Zentralabitur und die hier für Schule und Lehrer unklaren Vorgaben von der Politik nicht zur Aufgabe von Schule und Lehrer gemacht werden, bzw. in deren Verantwortung gestellt werden. Auch hier sind klare Vorgaben von Seiten der Politik erforderlich.
Wie und wann ist mit klaren Vorgaben zu rechnen, die die Entkernung und Verschlankung der Lehrpläne zum Ziel haben und auch in Hinblick auf das Zentralabitur für Klarheit sorgen?
Eine weitere Entfrachtung der Lernpläne ist nötig und muss schnellstmöglich umgesetzt werden. Es ist für uns derzeit nicht ersichtlich, ob oder inwieweit das MSW weitere Vorarbeiten getroffen hat. Größte Sorgfalt muss in der Tat auch der Vorbereitung des Zentralabiturs für den Doppeljahrgang gelten. Das gilt besonders für die Erweiterung des Aufgabenpools, damit angemessene Aufgaben gestellt werden.
- Die Verschlankung der Lehrpläne muss zur Reduzierung der aktuell gültigen Wochenstunden¬zahlen führen. Welchen anderen Sinn sollte es machen, Lehrpläne zu entschlacken, wenn nicht, Unterrichtszeit wieder auf ein dem Alter der Kinder entsprechendes Maß zurückzuführen. Sind Sie bereit, sich dafür einzusetzen, dass bei der KMK die Mindestwochenstundenzahl reduziert wird, oder haben Sie Alternativen, um vor allem die Sekundarstufe I zu entlasten?
Neben einer zügigen Durchsicht der Lernpläne muss insgesamt ein Diskurs darüber stattfinden, welche Kompetenzen Jugendliche zur Lebensgestaltung benötigen. Wir haben schon lange dafür plädiert, die Qualität des Unterrichts in den Focus zu nehmen und eine Flexibilisierung bei den Stundenvorgaben zu erreichen. Entscheidend ist der klare Referenzrahmen (Bildungsziele und Bildungsstandards) für die Schulen. Auch wenn die Curricula durchforstet werden, wird Zeit für das Vertiefen und Üben benötigt. Der Ganztag ist ein Bildungskonzept, das ein anderes Lernen ermöglicht. Deshalb ist die Weiterentwicklung von Ganztagsangeboten unerlässlich.
- Schulreformen wie G8 erfordern neue moderne Lern- und Lehrmethoden und damit verstärkt Lehrerfortbildung. Um den Lernstoff den Schülern in der verkürzten Zeit vernünftig vermitteln zu können, sind zudem kleinere Klassen notwendig. In welcher Weise würden Sie sich für eine Reduzierung der Klassengröße und eine zeitgemäße Lehrerfortbildung einsetzen?
Die demografischen Effekte durch sinkende Schülerzahlen müssen für eine Qualitätsverbesserung genutzt werden. Dazu zählen auch Klassengrößen. Wir brauchen zudem eine Fortbildungsoffensive für die Lehrkräfte, da wir zur Bewältigung der Aufgabe, unser Bildungssystem zukunftsfähig zu machen, eine andere Lernkultur brauchen, die individuelle Förderung ermöglicht. Dafür müssen Lehrkräfte anderes Lernen und Lehren lernen.
- Nach Meinung vieler Eltern ist der ‚gefühlte‘ Ganztag zu undifferenziert ausgeprägt und vorbereitet worden. Die mit der Einführung von G8 eingeführte Wende zum Ganztag soll, vor allem aus Gründen der Chancengleichheit, unterstützt werden. Allerdings sollte dabei bei Reduzierung der Wochenunterrichtsstunden vor allem Angeboten, die der Persönlichkeitsentwicklung der Kinder dienen, mehr Raum gegeben werden. Wie ist Ihre Meinung zu diesem Komplex?
Der Umstieg auf G8 ist überstürzt und ohne gleichzeitigen Ausbau des Ganztag an Gymnasien erfolgt. Unseres Erachtens erfordert das G8 einen gebundenen Ganztag. Dazu gehört ein gesundes Mittagessen genau so wie Bewegungs- und Entspannungsräume. Der Ganztag als Bildungskonzept ermöglicht auch eine andere Rhythmisierung des Lernens. Schule muss als Ort des Lernens und Lebens entwickelt werden. Dazu gehört selbstverständlich nicht nur die Vermittlung fachlicher Kompetenzen. Personale, soziale und emotionale Kompetenzen gehören zu einer umfassenden Persönlichkeitsbildung und sind integraler Bestandteil des Bildungsauftrags. Dafür muss Raum und Zeit sein.
- Werden Sie in der jetzigen Situation den Schulen nach den guten Erfahrungen aus dem Modellprojekt „Selbstständige Schule“ mehr Gestaltungsspielräume und Eigenverantwortung geben? Werden Sie sich auch für ein selbstverwaltetes Budget für Schulen einsetzen? Die Schulen wissen regelmäßig selber am besten, wo der dringendste Handlungsbedarf besteht. So könnten die oft langwierigen Entscheidungsprozesse nachhaltig verkürzt werden.
Gute Schule wird vor Ort gemacht und kann nicht zentral verordnet werden. Das Modellvorhaben Selbständige Schule wurde von den Grünen eingebracht und war das erfolgreichste Schulentwicklungsprojekt der letzten Jahre. Daran wollen wir anknüpfen. Wir wollen die Entscheidungskompetenzen sowohl von Schulen wie von Kommunen deutlich ausweiten. Hierzu gehören Fragen der Unterrichtsorganisation, der Einrichtung und Größe von Lerngruppen, Personal- und Budgetverantwortung. Dabei wollen wir die Mitwirkung der Eltern und SchülerInnen stärken und die Drittelparität wider einführen.
- Zurzeit müssen die Eltern die Kosten für das in den Schulen angebotene Mittagessen im Gegensatz zu den Mensen an den Universitäten in voller Höhe allein tragen. Dies führt zu hohen Kosten von bis zu 4,- € pro angebotenen Mittagessen. Eine Bezuschussung zumindest über die Personalkosten ist notwendig. Kann in diesem Zusammenhang das Essensausgabe-Personal an Gymnasien aus den Mitteln des „Geld statt Stelle“- Programms finanziert werden? Soll für Kinder bedürftiger Eltern ein kostenloses Angebot analog zu den OGSen z.B. über eine Fondslösung eingerichtet werden?
Wir wollen perspektivisch ein kostenloses gesundes Mittagessen kostenfrei für alle Schülerinnen und Schüler. Im ersten Schritt soll das Mittagessen für Kinder aus einkommensarmen Familien kostenlos werden. Die Kosten sollen hierfür vom Land getragen werden. Grundsätzlich sollte eine steuerliche Gleichsetzung der Gemeinschaftsverpflegung in der Hochschule, KiTA und Schule erfolgen, d.h. Umsatzsteuerbefreiung.
- Die bisherigen Erfahrungen und Wünsche von G8 müssen unseres Erachtens durch das MSW unter Einbeziehung aller an Schule Beteiligten evaluiert werden. Wie stellen Sie sich eine transparente Evaluation und Rückmeldekultur an LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen vor?
Wenn den Schulen eine größere pädagogische Souveränität gewährt wird, wie z. B. auch die Möglichkeit G9 wieder anzubieten, ergibt sich dadurch eine intensive Rückmeldung über die Auswirkungen und den Änderungsbedarf. Übrigens führt das Internat Salem gerade ein “Salemjahr” wieder ein.
- Es ist eine ganz besondere Verantwortung der Politik, auf die schwierige Situation des G8/G9 Doppeljahrganges zu achten, zumal die ersten Jahrgänge von G8 bereits jetzt mit mancherlei Handicaps (fehlende Lehrpläne, fehlende Bücher, fehlende Mensen u.a.) belastet wurden. Wie gedenken Sie, die Doppeljahrgänge und deren Folgejahrgänge hier in den NRW-Hochschulen und sonstigen Ausbildungsstätten zu integrieren? Welche Maßnahmen planen Sie bzw. werden bereits durchgeführt?
Die Landesregierung geht völlig unvorbereitet auf die Situation des Doppeljahrgangs 2013 zu. Wir haben Vorschläge hierzu gemacht.
Wir werden zusätzliche Studienplätze zum Jahr 2013 schaffen, die auch dauerhaft bestehen bleiben sollen, um Defizite an den Hochschulen abzubauen.
Wir wollen Einstiegsmöglichkeiten im Sommersemester, Vorziehen von Praxisanteilen aus Studiengängen, wo möglich. Ein Anerkennen von Leistungen aus freiwilligen sozialen/ökologischen Jahren für Studium und Ausbildung würde denjenigen nutzen, die 2013 ein FÖJ/FSJ machen. Wir brauchen neben zusätzlichen Studienplätzen auch mehr Ausbildungsplätze, damit es auf dem Ausbildungsmarkt nicht zu einem Verdrängungswettbewerb zwischen AbiturientInnen und den Haupt- bzw. RealschulabsolventInnen kommt. Deshalb wollen wir die Erhöhung der Ausbildungszahlen im öffentlichen Dienst und einen Pakt mit der Wirtschaft zur Steigerung des Ausbildungsangebots sowie den Ausbau vollzeitschulischer Angebote.
- Eine gute Bildung braucht auch eine vernünftige Bildungsinfrastruktur in den Schulen. Notwendige und auch zum großen Teil schon geplante und beschlossene Sanierungs-maßnahmen sowie die Modernisierungen der naturwissenschaftlichen Räume und weitere Maßnahmen dürfen aufgrund schwieriger Haushaltslagen nicht einfach gestrichen werden. Ein Kahlschlag im Bereich Schule und Bildung ist unverantwortlich.
Wie wollen Sie die künftige finanzielle Ausstattung der Gemeinden sicherstellen, vor allem bei wachsenden Aufgaben insbesondere der Bildungsinfrastruktur in den Schulen?
Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Land muss wieder aufgelöst werden. Wir wollen zudem die Mittel aus dem Solidarzuschlag Ost, für die es keine Projekte gibt und die bislang in den allgemeinen Bundeshaushalt fließen, für einen Bildungs-Soli nutzen. Damit sollen Länder und Kommunen unterstützt werden, die notwendigen baulichen Maßnahmen vorzunehmen. Allein diese Maßnahme ergibt 23 Milliarden €. Im Bundesrat müssen Steuergeschenke und Kopfpauschale verhindert werden. Das Land muss den Kommunen verbriefte Einnahmequellen zuteilen, einen Entschuldungsfonds bilden und Nothaushaltskommunen die Beteiligung an Förderprogrammen erlauben. Bundesmittel müssen vollständig weitergeleitet werden und der Bund muss einen höheren Anteil der Soziallasten übernehmen.
- Unterstützen Sie das Anliegen der Eltern, die Kopfnoten aus den Abschlusszeugnissen wieder abzuschaffen, wie es in allen anderen Bundesländern der Fall ist?
Die Kopfnoten sind ein Irrweg, der Kinder beschämt und abstempelt und ein völlig untaugliches Mittel der Beurteilung. Kinder haben ein Recht auf eine individuelle Rückmeldung. Die Kopfnoten gehören umgehend abgeschafft.
Sehr geehrte Frau Beer, herzlichen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.
Geschrieben von Administrator am 07/05 um 06:44:37
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