Wahlprüfsteine SSP - Antworten Christian Trützler (Bündnis90/Die Grünen)
- Welche Rolle spielen nach den Plänen Ihrer Partei in einer künftigen Schulstruktur in NRW die Haupt- und Realschulen?
Die Hauptschule wird landesweit von immer weniger Eltern für Ihre Kinder gewählt. Nur noch die SchülerInnen, die keine andere Wahl haben, besuchen die Hauptschule. Dieser Prozess beginnt auch bei den Realschulen. Den Kommunen muss die Möglichkeit gegeben werden mit Kooperationsmodellen und anderen Modellen auf diese Entwicklung zu reagieren.
Längeres gemeinsames Lernen muss möglich gemacht werden. Es müssen Angebote geschaffen werden, die alle Bildungsabschlüsse offen hält.
- Wie sieht die Zukunft der Gesamtschulen aus? Wird das Gesamtschulangebot weiter ausgebaut?
Wir Grüne fördern gemeinsames Lernen bis Klasse 10. Das ist in der Gesamtschule möglich. Es gibt hervorragende Gesamtschulen, die es vermögen, SchülerInnen zu motivieren und mitzunehmen. Das viele Kinder, die eine Hauptoder Realschulempfehlung hatten an den Gesamtschulen das Abitur schaffen, zeigt, dass sie die einzige Schule ist, die auf der einen Seite zu den bestmöglichen Ergebnissen für die Kinder führt und auf der anderen Seite es vermag, dass der soziale Stand der Eltern weniger Einfluss auf den späteren sozialen Stand des Kindes hat.
Grüne werden, wenn Sie an der Regierung sind, neue Gesamtschulen da schaffen, wo sie von den Eltern gewünscht werden. Es kann nicht sein, dass landesweit mehr als ein Drittel der Kinder, die eine Gesamtschule besuchen wollen, abgelehnt werden.
Die bestehende Diskriminierung der Gesamtschulen, die derzeit im Falle einer Neugründung keine Ganztagsschule sind, werden wir abschaffen.
- Aktuell wird die Wahlfreiheit zwischen G8 und G9 an den Gymnasien in NRW diskutiert. Werden Sie die Wahlfreiheit flächendeckend umsetzen und wenn Ja, wie soll die Wahlfreiheit umgesetzt werden?
Bündnis 90/Die Grünen haben in Ihrem Landtagswahlprogramm die Wahlfreiheit zwischen 8 und 9 Jahren zum Abitur festgeschrieben. Auf keinen Fall darf man in der Sekundarstufe I die Lehr- und Lerngeschwindigkeit differenzieren, das führt nur dazu, dass ein Wechsel von einem zum anderen Zug schon sehr früh nicht mehr möglich ist, was unserer Vorstellung, dass die Wahl, auf einen schnelleren Zweig im Gymnasium oder von einer anderen Schule in ein G8-Zug möglich sein muss, widerspricht. Die Separation der Lehr- und Lerngeschwindigkeit darf somit erst in der Sekundarstufe II erfolgen
In der Regel sind Gymnasien mehrzügig, so dass beide Möglichkeiten an einem Ort stattfinden können. In ländlichen Gebieten, in denen es nur eine einzügige Oberstufe gibt, muss durch entsprechende Absprachen zwischen Nachbargymnasien möglich sein, beide Züge im Rahmen einer Kooperation anzubieten.
- Wie wollen Sie die künftige finanzielle Ausstattung der Kommunen sicherstellen, vor allem bei wachsenden Aufgaben insbesondere der Bildungsinfrastruktur in den Schulen?
Es bedarf unseres Erachtens einer festen Steuereinnahmequelle für die Kommunen, damit diese ihre Investitionen unabhängig von Konjunkturschwankungen, die erhebliche Auswirkungen auf die Gewerbesteuereinnahmen haben, planen und tätigen können.
Der Raubzug der Landesregierung an den Kommunen muss aufhören. Die Summe, um die die Landesregierung die Kommunen jährlich gebracht hat, belaufen sich auf ca. 1,5 Mrd. €.
Es muss zudem über den Bundesrat der Bundesregierung deutlich gemacht werden, dass kein Platz mehr für weitere Steuerentlastungen, die vornehmlich denen, die besser gestellt sind, zu Gute kommen, gegeben ist.
- Werden Sie den Schulen mehr Gestaltungsspielräume und finanzielle Eigenverantwortung geben?
Die Selbständigkeit der Schulen soll deutlich ausgebaut werden und Schulen wie Kommunen mehr Entscheidungsspielräume erhalten. Die Schule vor Ort kann am besten entscheiden, wen sie einstellt, wie die Stundentafel aussieht und auf welche Weise sie Lerngruppen organisieren wollen.
- Um den Lernstoff den Schülern in der verkürzten Zeit vernünftig vermitteln zu können, sind dringend kleinere Klassen notwendig. Welche Klassengrößen streben Sie für welche Schulform an und wie wollen Sie diese erreichen?
Die Grünen setzen sich dafür ein, dass es keine Klassen in weiterführenden Schulen, die sich auf den Weg in Richtung längeren gemeinsamen Lernens machen mit mehr als 25 SchülerInnen geben soll. Für Grundschulen sehen wir eine Höchstzahl von 23 SchülerInnen vor. Im Falle eines gemeinsamen Unterrichtes von Kindern mit und ohne Behinderung sollte die Klassengröße höchstens 20 SchülerInnen
umfassen.
- Wie interpretieren Sie den Begriff ‚Länger gemeinsam Lernen‘?
Nach der Grundschule werden die Kinder nicht auf verschiedene Schulformen verteilt. Bis Klasse 10 sollen Kinder möglichst gemeinsam unterrichtet werden. Dabei können neben individueller Förderung in kleinen Lerngruppen SchülerInnen, die den Lehrstoff sehr gut verstanden haben, anderen SchülerInnen, die Probleme mit der Verarbeitung des Stoffes haben, unterstützen.
- Wie soll Inklusion/gemeinsamer Unterricht an den Schulen umgesetzt werden?
Zunächst müssen die Rahmenbedingungen deutlich verbessert werden. Schulen müssen barrierefrei umgebaut werden. Die personelle und räumliche Ausstattung muss verbessert werden, damit die individuelle Förderung der SchülerInnen mit Behinderung umgesetzt werden kann.
Ein verbindlicher Inklusionsplan muss unter Mitwirkung der Beteiligten aufgestellt werden. Dazu gehört, dass inklusive Lerngruppen maximal 20 SchülerInnen umfassen darf. Ganztagsangebote müssen von allen wahrgenommen werden können.
LehrerInnen müssen auf Ihre neue Aufgabe intensiv vorbereitet und geschult werden.
- In welchem Zeitraum wollen Sie welche „Inklusions-Quote“ erreichen?
Anlässlich einer Landtagsanhörung zu einem grünen Inklusionsantrag wurde ein Zeitraum von 10 Jahren genannt. Auf Grund der in Kraft getretenen UNKonvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung ist eine Zwangszuweisung zu Förderschulen nicht mehr möglich; entsprechende Regelungen im Schulgesetz sind rechtsunwirksam. Daher müssen wir schneller reagieren. Wir Grüne haben das Ziel, das Verhältnis von gemeinsamen Unterricht zu Förderschulen von heute 15:85 umzudrehen.
- Wie viel Geld wollen Sie für die Umsetzung von Inklusion in Schulen zusätzlich investieren?
Die Gelder, die derzeit für SonderpädagogInnen an Förderschulen zur Verfügung stehen, müssen schrittweise zum gemeinsamen Unterricht umgewidmet werden. Zusätzlich ist eine 10%ige Ressource für die Mehraufwendungen im Rahmen der Umstellung nötig.
- Haben Förderschulen nach den Vorstellungen Ihrer Partei eine Zukunft?
So lange Eltern sie wünschen, bleiben sie mittelfristig erhalten. Es gibt jedoch auch Förderschulen, die sich selbst in Richtung gemeinsamen Unterrichtes öffnen möchten.
- Unterstützen Sie das Anliegen der Eltern, die Kopfnoten aus den Abschlusszeugnissen wieder abzuschaffen, wie es in allen anderen Bundesländern der Fall ist.
Kopfnoten sind nicht in der Lage, das Sozialverhalten der SchülerInnen zu verändern. Sie sind oft höchst subjektiv. Wir möchten Kopfnoten generell abschaffen.
- Das OGS-Angebot hat sich in vielen Kommunen in NRW zum Erfolgsmodell entwickelt. Werden Sie das OGS-Angebot landesweit weiter ausbauen?
Das OGS-Angebot muss in jedem Fall ausgebaut werden. Vor allem müssen die Mittel für die OGS Förderung angepasst werden. So wurden die Mittel für Personal, die den Kommunen zur Verfügung gestellt werden trotz gestiegener Personalkosten seit 2003 nicht mehr angepasst.
- Ist der gebundene Ganztag in der Grundschule für Sie eine Perspektive für die kommenden Jahre?
Der gebundene Ganztag bietet den Kindern optimale Förderung, besonders in den Fällen, in denen Eltern nicht die Möglichkeit haben, ihre Kinder zu unterstützen (Lernen/Hausaufgaben).
- Werden Sie den gebundenen Ganztag an den Gymnasien mit dem Ziel eines flächendeckenden Angebotes weiter ausbauen?
Seit der Einführung von G8 ist in vielen Gymnasien ein Schritt Richtung Ganztagsunterricht unternommen worden, leider häufig ohne die dafür notwendige Infrastruktur wie z.B. Mensen zur Verfügung zu stellen. G8 ohne Ganztag ist nicht oder nur für die SchülerInnen gut situierter Eltern, die evtl. Förderung über teure Nachhilfe erhalten und für sehr gute SchülerInnen möglich, was zu einer erneuten Separation nach sozialem Stand führt.
- Werden Sie den Ausbau des Ganztags auch an den Gesamtschulen unterstützen?
Die Gesamtschule ist vom pädagogischen Ansatz her als Ganztagsschule konzipiert. Die Abschaffung durch Frau Sommer dient meines Erachtens alleine der von der CDU und der FDP gewünschten Auszehrung der Gesamtschule und wird von uns sofort rückgängig gemacht werden.
- Zurzeit müssen die Eltern die Kosten für das in den Schulen angebotene Mittagessen im Gegensatz zu den Mensen an den Universitäten in voller Höhe allein tragen. Eine Bezuschussung zumindest über die Personalkosten ist notwendig. Soll für Kinder bedürftiger Eltern ein kostenloses Angebot analog zu den OGSen z.B. über eine Fondslösung eingerichtet werden?
Wir Grüne haben uns bereits in Bonn dafür eingesetzt, dass das Mittagessen für bedürftige SchülerInnen und auch für Kinder, die eine Ganztagskita besuchen kostenlos ist.
Meines Erachtens ist die kostenlose Essenabgabe an Kinder bedürftiger Eltern eine staatliche Aufgabe, zumal die Summe, die der ALG II-Satz für Mittagessen bei Kindern vorsieht, geringer ist, als der Abgabepreis des Essens in OGS und Kita.
Damit dies in allen Kommunen möglich ist, muss das Land für diese Kosten aufkommen.
- Schulreformen wie G8 oder Inklusion erfordern neue moderne Lern- und Lehrmethoden und damit verstärkt Lehrerfortbildung. Wie werden Sie sich für Lehrerfortbildung einsetzen?
Auf die LehrerInnen kommen bereits heute gewaltige Zusatzaufgaben zu. Selbst in Gymnasien sind sie mit dem Ausgleich schwierigen Sozialverhaltens einiger SchülerInnen befasst. Von daher bedarf es bereits jetzt regelmäßiger Fortbildung.
Das Zuhör- und Lern- und Konsumverhalten ist bereits seit geraumer Zeit im Wandel begriffen und wandelt sich weiter, so dass einmal erlernte Methoden eine relativ kurze Halbwertzeit haben können. Daher müssen die LehrerInnen in regelmäßigen Abständen mit den neuesten Unterrichtsmethoden konfrontiert werden.
Regelmäßiger Fortbildung bedarf es auch in fachlicher Hinsicht, vor allem in den Naturwissenschaften. Allerdings muss den LehrerInnen auch die Zeit zur Fortbildung zur Verfügung gestellt werden. Oft scheitert es daran, dass zu viele Vertretungsstunden gemacht werden müssen, oder andere Aufgaben, die zusätzlich zum Stundendeputat dazukommen die Lehrenden daran hindern, eine Fortbildung zu besuchen.
- Welchen Stellenwert räumen Sie der Elternmitwirkung in Bildungsfragen ein? Wie wollen Sie die Eltern einbinden? Welche Tipps können Sie Eltern geben, um sich Gehör zu verschaffen
Wir kämpfen für die Wiedereinführung der Drittelparität in der Schulkonferenz, da Eltern ein wichtiger Bestandteil dort sind.
Auf Landesebene soll eine demokratisch gewählte, von unten aufgebaute Interessenvertretung der Eltern eingeführt werden.
Sehr geehrter Herr Trützler, herzlichen Dank für die Beantwortung der Fragen!
Geschrieben von Administrator am 27/04 um 11:05:37
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